Das Venedigermandl

 

So lange ist es noch nicht her. Der Großvater meines Großvaters ist ihm noch begegnet. Alle Sommer kam ein "wallisches Lötterle", quartierte sich auf der Mellitz ein und suchte ungesehen in der Firschnitz und im Ledraun nach Gold. Dazu hatte es einen geheimnisvollen Spiegel im Rucksack, der ihm mit Hilfe der Sonnenstrahlen die Goldminen anzeigte. Beim ersten Absuchen der Virger Berge soll das Mandl laut vor sich hingesungen haben:

"Du reicher Berg, du armes Tal,
zu wenig Futter überall.
Aber zwischen Wun und Ochsenbug
Gibt's Gold und Silber viel genug."

So recht glauben wollte dem Mandl niemand. Als Jäger und Hirten dem Goldsucher, der meist kurz nach Mitternacht sein Lager verließ, nachschlichen, verloren sie allemal seine Spur. Auch den großen Rucksack, mit dem das Venedigermandl allsommerlich Virgen verließ, hielt er immer in einem Versteck. Steinesucher, die zwischen Wun und Ochsenbug selbst heimlich nach Gold suchten, brachten nur Kristalle und "Katzengold" (Schwefelkies) heim. Gold haben sie keines gefunden und Virgen blieb ein armes Tal.

 

Venedigermandl

 

Ehe die Menschen die Ursachen von Gewittern, Hagelschlag oder Muren erkannten, führten sie diese Naturereignisse auf den Schadenszauber von Hexen zurück. Verständlich also, dass die Bewohner der Alpentäler das Hochgebirge scheuten und jene Städter für ziemlich verrückt hielten, die vor mehr als eineinhalb Jahrhunderten an alpiner Natur und Bergsteigen ausnehmendes Vergnügen fanden.

Im späten Mittelalter tauchten in den Hohen Tauern oft „Venedigermandln“ auf, kleinwüchsige Fremde in dunklen Samt gekleidet, die mit ihren „Bergspiegeln“ durch Mauern und Fels schauen konnten und auf diese Weise Gold entdeckten. Wer diesen unscheinbaren Fremdlingen im Gebirge half, gelangte stets überraschend zu Reichtum.

So trug es sich zu, dass alljährlich um die Zeit der Heumahd ein solches Männlein in der Schusteralm in Raneburg Rast hielt und Imbiss nahm. Das Männlein trug eine kleine Waage und ein leeres Säckchen über der Schulter. Die neugierigen Leute vertröstete er: „Auf dem Rückwege werde ich´s euch sagen“. Der Zwerg blieb auch nie länger als zwei Stunden aus, dann legte er jedes Mal ein Goldstücklein in die Hand der Sennerin oder des Hirten, dabei schwieg er wie ein Grab. So ging es 10 Jahre. Sennin und Senner waren inzwischen alt aber beinahe reich geworden, niemandem erzählten sie etwas.

Veit, der Hirte, wollte nun eigenen Grund kaufen und schlug der Sennin vor: „Werd´mein Weib! Wenn Du nit willst, teilen wir das Gold“. Die Sennin entschied sich für Teilung und setzte sich zur Ruhe, den Hirten aber hatte der Geiz gepackt und er trachtete allein nach Reichtum. Er verblieb beim Bauern und als zum neuen Jahr das Männlein wieder kam, schlich er ihm nach dem Essen nach. Sie kamen zum grünen See, in dessen Nähe unter einem Steinblock eine Quelle sprudelte.

Hinter einem Felsen beobachtete er, was geschah. Das Männlein tauchte seinen Hut als Schöpfgefäß in das Wasser, ließ es abrinnen und füllte den Bodensatz immer wieder in das Säckchen. Zuletzt hing es die Ausbeute an die Waage, lächelte zufrieden und ging bergab.

Der Hirte bekam es mit der Angst zu tun und beschloss erst recht, niemandem dieses seltsame Erlebnis zu erzählen. Bald darauf starb die alte Sennin. Veit nahm seinen Anteil, und im Schein des Mondes schritt er rasch bergauf, er wollte das Gold dem Tümpel zurückgeben, so ungeheuer war ihm alles. Im Widerschein des Wassers lockte das Metall aber so verführerisch, dass er beschloss, es doch zu behalten und fortzuziehen.

Die schwere Arbeit am Hof jedenfalls wollte er anderen überlassen. Der Bauer hatte einen anderen Hirten angestellt, und als die Zeit gekommen war, erschien auch das Männlein wieder. Es wurde ihm wie immer Rast und Speise geboten. Danach nahm der Zwerg den Bauer zur Seite: „Willst du ein reicher Mann werden, dann komme und folge mir, ich zeige dir einen Schatz, wovon du einen Tag in diesem Monate einen Teil haben kannst und so jedes wiederkehrende Jahr. Ich bedarf seiner nicht mehr; mit ihm sind Häuser und Paläste in das Meer gebaut worden, die Lagunen-Stadt dankt viel Herrlichkeit dem Schatze auf deiner Alpenflur“.

Der Bauer erschrak, er dachte an einen Hexenmeister, der auch das nahende Unwetter hergezaubert hatte und jagte ihn fort: „Geh deinen Weg, mir ist mein Heu lieber als dein Schatz“! Darauf verschwand der Zwerg und ward nie mehr gesehen.

Jahre gingen in das Land, da kam ein Bettler, krank und elend in die Schusteralm und bat um Brot. Die junge Sennerin versuchte herauszukriegen, wie er denn gerade hier hereinkam in die Alm. Der Alte schaute vom Essen auf: „Du fragst gar viel, Dirn, vor vielen Jahren hielt ich meine Mahlzeit hier am Tisch, bin der Hirt gewesen, dann bin ich weg, wollt nit mehr arbeiten. War in der Stadt, doch nun – nun ist´s vorbei“.

Die Dirn hatte Erbarmen und lud den Armen zum Übernachten ein. Abends erzählte dieser dann den Almleuten sein Leid. Über die Bekanntschaft mit dem Goldmännchen, über die Goldstücke, die er in den Städten verwucherte.

Bis nicht mehr da war. Da wollte er arbeiten, allein er konnte ja nichts. Bettelnd habe er sich herumgetrieben, bis auch sein wirklicher Reichtum, die Gesundheit, geschwunden. Da hatte er nur mehr einen Wunsch, heimzugehen und zu sterben. Zittern verzog er sich auf sein Nachtlager. Am Morgen konnte ihn die Sennin nicht mehr wecken – er war gestorben.

Als der Bauer das erfuhr, hatte er sofort eine Erklärung, er erinnerte sich des Hirten Veit, dem sein Hof plötzlich nicht mehr gut genug war. Er besann sich auch des Zwerges. Man ging hinauf zum Tümpel. Aber mit dem Schlamme, wenn er auch schön glitzert, wusste man nicht viel anzufangen.

Über das Männlein erzählte man aber lange noch die seltsamsten Dinge. Es sei nie durch das Tal gekommen, sondern stets über das Gebirge her. Damals hieß der Großvenediger noch Keeskogel und seine Gletscher Keesböden. Einmal hätte der Kleine gemeint: „Ich sehe, wie die Leute hier aufwachsen und sterben, aber kein einziges Mal hinaufsteigen auf jene Spitze, wo man ein guter Teil Weltherrlichkeit sieht.

Wie ich diese Alpenkrone von drüben her schaue, kann ich da droben die meerumschlungene Marmorstadt, meine Heimat sehen. Ja, dort herrscht eine Pracht, und was Gold und Edelstein nicht schmückt, ersetzt die Kunst“. Die rauen Männer horchten erstaunt zu. „Eine Stadt ins Meer gebaut, das ist unglaublich“!

Begeistert fuhr der Zwerg fort: „Auch da droben ist ein Meer – nur, dass die Wellen in ewiger Erstarrung hochaufgerichtet stehen und Berge und Felsen und die weißen Wände im Schaum zerspritzen. Dass der Steinadler sie umkreist und die Friedenstaube schwebt“.

Seitdem sind hunderte von Jahren dahingeflossen. Das Goldbründl fließt fort, unbekümmert um die Schicksale der Menschen, die mit seinem Schatz so gar nichts anzufangen gewusst.


Der Teufel im Frosnitztal

 

Es geschah vor vielen Jahren im Frosnitztal bei Matrei in Osttirol. Drei befreundete Jäger gingen wie jeden Montag im Frosnitztal auf Gämsenjagd. Da sie länger als üblich unterwegs gewesen waren, suchten sie Unterschlupf in einer der Frosnitzalmen. In der Hütte angekommen, entfachten sie sogleich im Kamin ein Feuer. Alle drei Jäger hatten riesigen Hunger, deshalb wollten sie die mitgebrachten Gamswürstel auf dem Herd kochen. Bis die Würstel bereit waren, vertrieben sie sich die Zeit mit Kartenspielen. Etwas später bemerkte einer der Männer, dass sich hinter dem Kamin ein schwarzer Schatten bewegte. Eine Hand holte immer wieder heiße Glut von der Feuerstelle. Entsetzt machte der Jäger seine Kameraden auf das Geschehen aufmerksam: "He, Manda! Schaug´s amol! Do greift alleweil a unhoamlene schworze Hond aucha und nimmb uns de Glüet weg!" Voller Angst zuckten alle zurück, als mit einem Satz der leibhaftige Teufel aus dem Feuer in die Stube sprang. Die Jäger schrien auf und stürzten angsterfüllt aus der Hütte. So schnell ihre Füße sie trugen, liefen sie in Richtung Gruben davon. Der Höllenfürst war ihnen dicht auf den Fersen. Ohne sich umzudrehen, flüchteten die Männer weiter in die Annakapelle bei Proßegg. Dort suchten sie Zuflucht vor dem Satan. Ein Jäger griff nach dem Weihwasser und besprengte den Leibhaftigen mit dem geweihten Nass. In diesem Augenblick verschwand der Teufel mit einem fürchterlichen Schrei und wurde nie wieder gesehen.

Seit diesem Erlebnis mieden die Jäger das Frosnitztal. Als sie aber nach einiger Zeit doch wieder einmal zu den Frosnitzalmen gingen, da sahen sie, dass die Alm, auf der ihnen der Teufel aufgelauert hatte, völlig abgebrannt war.



 

 

Auf der Gschilderalm

 

Der Fürsterzbischof von Salzburg und Kardinal Dr. Katschthaler ist einmal während der Ferien von Matrei durch das Tauerntal hineingewandert, um dann über den Felbertauern ins Salzburgische zu ziehen. Als er zur Landecksäge kam, da war es schon dämmrig, die neue, bequeme Straße gab´s damals noch nicht, die besorgten Wirtsleute meinten, der wegunkundige Professor könnte sich etwa in der hereinbrechenden Nacht verirren und gaben ihm daher einen Hirtenbuben mit, der ihn bis zum Matreier Tauernhaus führen sollte. So stapften denn die beiden rüstig los. Im Landeckwalde war es richtig schon stockfinstere Nacht, so dass der Professor heilfroh war um seinen Führer, als sie aber den Wald hinter sich hatten und im Tal unter sich ein paar Lichtlein sahen, da meinte der gutmütige Fremde: „So Büble, jetzt kenn ich mich schon aus, kannst hoamgehn!“, drückte dem Kleinen ein paar Münzen in die Hand und ging allein weiter.

Nach einiger Zeit kam er zum Bach, über ein Brückele und dann sah er in der Dunkelheit mehrere kleine Almhütten mit beleuchteten Fensterlein und überragt von himmelhohen Felswänden vor sich liegen. Nun meinte er für sich, das Tauernhaus ist das einmal gewiss nicht, aber die Leute hier werden wohl auch ein Platzl haben für mich und klopfte bei der ersten Hütte an. Es rührte sich aber nichts und als er noch einmal klopfte, da erlosch das Licht und alles blieb still. Da dachte sich der Wanderer, mir scheint, die mögen mich nicht und ging zur nächsten Hütte. Als er da anklopfte, da antwortete sofort die kräftige Stimme einer jungen Weibischen: „Wer ist und was willst?“ und als er schön bescheiden sagte, er möchte ein Nachtquartier: „Hier wird nit übernacht g´schlafen, i mach nit auf“ und als er schließlich versicherte, er sei ein durchaus harmloser Professor, da musste er die schnippische Antwort hören, solche Professoren, die nachts bei den Dirnkammern anklopfen, kenne man schon, er solle schauen, dass er weiterkomme.

Da war nichts zu machen, aber in der nächsten Hütte ging´s besser. Die Tür stand angelweit offen und um den Tisch herum saßen ihrer dreie, die aus Leibeskräften kartelten. Die nahmen den späten Gast sehr freundlich auf und als sie sahen, dass es ein geistlicher Herr sei, da trugen sie geschwind Bettgewand zusammen und bereiteten ihm eine Liegestatt.

Nächsten Tag in aller Frühe stand für ihn sogar schon ein Frühstück bereit, er aber lehnte dankend ab, er wolle in der Tauernhauskapelle Messe lesen und müsse daher nüchtern bleiben, wer wolle, könne mitkommen. So fand denn in der Tauernhauskapelle ein schöner Gottesdienst statt und nach demselben ist die Mosersennin vorangetreten und hat ganz schüchtern um Verzeihung gebeten, weil sie so grob gewesen sei und das Nachtquartier verweigert habe. Sie hätte es eben nicht gewusst, dass es sich wirklich um einen Professor und gar um einen geistlichen Herrn handle. Der aber belobte sie uns sagte, sie habe ganz recht getan, nicht aufzumachen und nach einiger Zeit bekam sie aus Salzburg ein sehr schönes religiöses Buch mit einer freundlichen Widmung. Darauf ist die brave Gschilder Sennering ihr Lebtag sehr stolz gewesen und noch als steinaltes Weibele hat sie oft das schöne Buch schauen lassen und immer wieder dabei erzählt, wie sie seinerzeit so tapfer ihre Hütte verteidigte – sogar gegen den Erzbischof von Salzburg!

(F.P. Wolsegger, Matrei in Osttirol, Osttiroler Heimatblätter).

 

Der Frauenbrunnen

 

Ein kleines Häufchen grauer Almhütte vor der herrlichen Kulisse des Großvenedigers ist das Außergschlöß. Die Sage erzählt: Die Frau, die von Außergschlöß taleinwärts ging, war noch jung. Viele Male war sie in diesem Sommer den Weg gegangen. Schon im Frühjahr, wenn die Schneeflecke dem ersten Grün wichen, im Sommer, wenn der Geruch nach Harz und Honig über die sonnenbeschienenen Alpenrosenhängen lag, und nun im Herbst, wenn die verkrüppelten Lärchen goldig in der müden Sonne prunkten. Der Bach neben ihr führte nur mehr wenig Wasser. Die Nächte waren schon lang und kühl. Oft war sie diesen Weg gegangen zur Kapelle unserer lieben Frau. Immer mit denselben Anliegen ihrer Kinderlosigkeit.

Sie war gerne auf der Alm beim Vieh, entging sie wenigstens für ein paar Monate den fragenden Blicken ihrer Schwiegereltern. Auch dem Getuschel der Nachbarinnen und den Reden ihres Mannes, der von seiner Enttäuschung, keine Kinder zu bekommen, ganz offen sprach. Dabei litt sie selbst am schwersten daran. Acht Jahre verheiratet und kein Kind! „Muttergottes, hilf mir!“

Heute sah sie eine Frau in fremder Kleidung neben dem Weg sitzen. Dort, wo aus dem Berg eine kleine Quelle entspringt und zwischen Steinen und Brunnenkresse verläuft. Neben der Frau lag ein strampelndes Kind im Gras.

Die junge Bäuerin war im Kirchlein nicht sehr andächtig. Ihre Gedanken waren beim Kind. Wer ist wohl die Fremde? Was tut sie hier im hintersten Winkel des Tales? Zu dieser Jahreszeit, wo Vieh und Mensch gerne talaus gehen? Die kalte Nacht, der baldige Sonnenuntergang – das Kind!

Eilig brach sie auf, fand die Frau am Bach beim Waschen der Windeln. Gerne folgte die Fremde der freundlichen Einladung, in der Almhütte in Außergschlöß über Nacht zu bleiben. Eifrig wurde Feuer gemacht und die Milch erwärmt. Moidl zerkleinerte das harte Brot mit der Schrammel, stellte Käs und Butter auf den Tisch und freute sich wie ein Kind über den Appetit der fremden Frau. Die Bäuerin bat um die Erlaubnis, das Kindlein versorgen zu dürfen. In einer großen Holzschüssel mit warmem Wasser wusch sie das kleine Büblein. Eine ganze Welle von Sehnsucht überkam sie. Der ganze aufgestaute Schmerz brach aus ihr. „Ach, wär dieses liebe Ding doch meines!“ Sie trocknete das Bübl ab, koste seine Wangen, und schließlich nahm sie es auf den Arm und drückte ihr Gesicht weinend in die warme Beuge seines Hälsleins.

Die fremde Frau sah mit großen Augen das überströmende Leid dieser jungen Frau, nahm das Kindlein an die Brust und sprach: „Hör auf zu weinen, du sollst mein Kind haben. Ich schenke es dir“! Erschrocken hielt Moidl inne. Sie holte frische Leintücher und überzog ihr eigenes Bett für diese Mutter. Sie selber verkroch sich im Heuboden unterm Dach.

Am nächsten Tag versuchte die Bäuerin leise ihre Morgenarbeit im Stall zu verrichten, um ihre Gäste im Schlaf nicht zu stören. Als aber um die Mittagszeit noch nichts aus der Kammer zu hören war, kamen ihr Zweifel. Richtig, die Fremde mit dem Kind war weg. Das Bett war nicht benützt worden.

Im nächsten Juni fehlte die Moidl beim Almauftrieb. Im Kornschnitt gebar sie einen gesunden Buben.

Bis zu ihrem Tode behauptete sie, mit der Muttergottes geredet und das Jesuskind auf dem Arm gehabt zu haben. Der Brunnen, der heute noch in Außergschlöß zu sehen ist, trägt seither den Namen „Frauenbrunn“. Man glaubt an die Heilkraft dieses Wassers und trinkt es bei Augen- und Frauenleiden.


Unser Literaturtipp:

Köll, Theresia – Kerschbaumer-Bäuerin aus Matrei: Gschichten, Erzählungen aus den Hohen Tauern. Eigenverlag (in Matrei oder im Matreier Bauernladen erhältlich).